Ein dankbarer Blick zurück

Veröffentlicht: 1. Januar, 2019 / 12:26 ims 1

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst. Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes. Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht. Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. Johannes legte Zeugnis für ihn ab und rief: Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war. Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen; Gnade über Gnade. Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus. Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ Joh 1, 1-18

Liebe Schwestern, liebe Brüder,
schauen Sie sich bitte jetzt ihre Banknachbarin oder ihren Banknachbarn an und versuchen Sie zu beurteilen, ob er oder sie einen schöneren Schal hat als Sie selbst. Dann werfen Sie noch einen Blick auf die Nachbarsjacke und beurteilen die Farbe im Vergleich zu Ihrer eigenen. Wer von Ihnen ist schicker angezogen, wie würden Sie es beurteilen?

An diesem Beispiel möchte ich Ihnen verdeutlichen, wie der Jahresrückblick in den Medien funktioniert. Es werden Bereiche aus dem gesellschaftspolitischen Leben aufgegriffen und miteinander verglichen. Daraus ergibt sich, dass die Sportlerinnen und Sportler nach Disziplinen gekürt und im Showbusiness die schlimmsten oder die schönsten Outfits der sogenannten Stars präsentiert werden. Die Weltereignisse werden nach Wichtigkeit beurteilt und die Personen nach ihrem positiven oder negativen Beitrag zur Entwicklung der globalen Gesellschaft und des Friedens.

Alles geschieht im Vergleich: im Vergleich zu den anderen Menschen, im Vergleich zu einem anderen Jahr, im Vergleich der Situationen. Der Vergleich erzeugt das Konkurrenzdenken, was dazu führt, dass sich einige als Sieger und die meisten als Verlierer fühlen.

Die Jahresschlussandacht, die wir gerade feiern, hat damit nichts zu tun. Ja sie steht sogar in einem krassen Gegensatz dazu. Denn der Vergleich ist oft die Ursache der ungesunden Begierden: so sein zu wollen, wie die anderen, das gleiche erreicht zu haben, die gleichen Erfolge verzeichnen zu können. Und wenn all das nicht auf dem normalen Weg geht, dann könnte man sich mit unfairen Methoden, mit der Ellbogentechnik helfen. So entsteht die Gewalt in der Gesellschaft, zuerst im Kleinen dann im Großen. Zuerst wird nur die Nachbarin schlecht gemacht, dann ein Politiker aus der anderen Partei und zum Schluss eine ganze Nation, die sich entwickeln und mit ihren eigenen Ressourcen Geschäfte machen will. Man kann alles stoppen, wenn man im Vergleich feststellt, dass durch den einen oder die andere meine Position bedroht wird.

Die Jahresschlussandacht hat eine andere Aufgabe. Sie will uns daran erinnern, dass wir Beschenkte und Gesegnete sind, dass wir sehr viel im Leben erfahren, was uns glücklich machen sollte, dass ein Jahr nie nur gut und nie nur schlecht ist, sondern immer von Freude und Leid geprägt. Und dafür wollen wir danke sagen. Wir wollen Gott danken, nicht weil wir mehr haben als die Nachbarn, sondern, weil uns Stunden des Glücks und der Freude geschenkt wurden; vielleicht in der Freundschaft, vielleicht im Berufsleben, vielleicht in der Familie. Wir wollen danke sagen, weil so vieles in unserem Leben gut ist und wir das in den Begegnungen erfahren, in der Natur und manchmal in einer ruhigen Stunden nur für mich alleine. Wir danken, weil wir jeden Tag so viel in Anspruch nehmen können, wie warmes, sauberes Wasser, wie die medizinische Betreuung, wie den gut gedeckten Tisch. Wir danken, weil wir im Frieden leben können. Wir sind dankbar; nicht im Vergleich, nicht in der Abwertung oder in der Aufwertung, sondern weil wir Beschenkte und Gesegnete sind.

Liebe Schwestern, liebe Brüder
das Leben kann immer von zwei Seiten angeschaut werden. Ich kann klagen, dass ich krank bin, ich kann mich freuen, dass jemand für mich da ist und ich medizinisch behandelt werden kann. Ich kann klagen, dass ich nicht genug Geld habe, um mir ein Haus zu leisten und ich kann mich freuen, dass ich es warm habe, dass es mir nicht auf den Kopf regnet, dass ich mir meine vier Wände so gestalten kann, wie ich will und mir niemand dreinredet. Ich kann klagen, dass ich nicht mehr zwanzig bin, und ich kann mich freuen, dass ich vieles bereits erlebt und viele schöne Erfahrungen im Laufe des Lebens machen konnte.

Der Niederösterreichische Lehrer und Textautor Ernst Ferstl schrieb einmal: „Wer sich über das freut, was er hat, hat er keine Zeit mehr, über das zu klagen, was er nicht hat.“ So sollte diese Stunde des Abschieds vom Alten und der Begrüßung des Neuen Jahres eine Stunde der Freude und der Dankbarkeit sein. Sie sollte uns helfen, wie die Taxifahrt der alten Frau aus der Geschichte, einen Rückblick zu halten, um etwas wieder zu erleben, sich von einigen Menschen und von einigen Dingen zu verabschieden, nachdenklich zu werden, aber immer mit der Haltung und mit dem Vertrauen, dass Gott mit uns gegangen ist und weiter geht; dass er uns begleitet und uns ans Ziel unseres Leben führen will.

Ich wünsche uns allen, dass es uns gelingt, das Leben nicht im Vergleich, sondern als besondere, individuelle Gabe zu sehen. Ich wünsche uns, dass wir im Neuen Jahr lernen, die Freuden zu sehen und anzunehmen, die uns sicher geschenkt werden.

Slawomir Dadas
Pfarrer