Weihnachten ist kein Fest der Bratwürstl

Veröffentlicht: 15. Dezember, 2019 / 21:14 ims 0

„In jener Zeit hörte Johannes im Gefängnis von den Taten Christi. Da schickte er seine Jünger zu ihm und ließ ihn fragen: Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten? Jesus antwortete ihnen: Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen wieder, und Lahme gehen; Aussätzige werden rein, und Taube hören; Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet. Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt. Als sie gegangen waren, begann Jesus zu der Menge über Johannes zu rechen; er sagte: Was hat ihr denn sehen wollen, als ihr in die Wüste hinausgegangen seid? Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt? Oder was habt ihr sehen wollen, als ihr hinausgegangen seid? Einen Mann in feiner Kleidung? Leute, die fein gekleidet sind, findet man in den Palästen der Könige. Oder wozu seid ihr hinausgegangen? Um einen Propheten zu sehen? Ja, ich sage euch: Ihr habt sogar mehr gesehen als einen Propheten. Er ist der, von dem es in der Schrift heißt: Ich sende meinen Boten vor dir her; er soll den Weg für dich bahnen. Amen, das sage ich euch: Unter allen Menschen hat es keinen größeren gegeben als Johannes den Täufer; doch der Kleinste im Himmelreich ist größer als er.“ Mt 11, 2-11

Liebe Schwestern, liebe Brüder,
es ist Ihnen wahrscheinlich im Leben schon manchmal passiert, dass Sie einen Menschen falsch eingeschätzt haben. Auf den ersten Blick eine scheinbar nicht ganz sympathische Person hat sich nach ein paar Begegnungen als eine der besten Arbeitskolleginnen oder Nachbarn herausgestellt. Auf der anderen Seite sind Sie sicher schon auf eine ganz süßliche Art von jemand reingefallen. Ein Mensch, den Sie nach der ersten Begegnung als besonders freundlich, immer lächelnd erlebt haben, stellte sich als besonders hinterlistig heraus. Die Freundlichkeit war gespielt, das Lächeln eine aufgesetzte Maske. Alles, was er versprochen hat und wovon er erzählt hat, war nur Lug und Trug.

Überall gibt es Menschen, die etwas vortäuschen, die versuchen andere zu gewinnen, um Kapital daraus zu schlagen.  Die falschen Propheten in der Politik, in der Kirche, im Berufsleben oder im Privaten – überall machen wir solche Erfahrungen. Kann man sich davor schützen? Gibt es eine Strategie, die uns davor bewahrt, Enttäuschungen zu erleben, ohne dass man allen Menschen von Vornherein automatisch mit einer Portion Misstrauen begegnen muss? Wie kann man es erkennen?

Die heutigen biblischen Texte geben uns einige Hinweise darauf, aus denen wir lernen können. Johannes, der den Ruf Gottes erkannte und in die Wüste hinauszog, um die Menschen zur Umkehr einzuladen, wurde verhaftet. Er schickt seine Jünger zu Jesus mit der Frage, ob er der Messias ist und damit der Auftrag des Johannes beendet ist. Jesus antwortet indirekt. Er erzählt nichts von sich selbst, nichts von seiner göttlichen Kraft und Vollmacht, nichts von dem Geheimnis der Dreifaltigkeit und seiner noch in Geheimnis verhüllten Sendung. Er erzählt nichts von seinem Erlösungsplan und verspricht keine Wunder, die er noch vollbringen wird, damit der Johannes an ihn glaubt. Nein, er  beschreibt die Früchte seines bisherigen Wirkens: „Blinde sehen wieder, Aussätzige werden rein, und Taube hören; Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet“ (Mt 11,5). Er zeigt einfach auf sein Tun und auf die Auswirkung seines Handels bei den Menschen. Und ich glaube, dass gerade das der Schlüssel für die Erkenntnis eines Menschen ist. Nicht das, was der Mensch, von sich erzählt, nicht was er verspricht, nicht wie süß er mit uns redet und nicht wie freundlich er uns anschaut, sondern was sein Leben bei den anderen bewirkt, entscheidet über einen Menschen. Das Handeln, das sich heilend erweist, das den Menschen Mut zum Leben gibt, das den anderen die Augen und die Ohren öffnet, damit sie die Welt neu entdecken können, entscheidet über einen Menschen.

Was hat das alles aber mit dem Advent und mit Weihnachten zu tun? Ja, ganz, ganz viel sogar! Denn der Advent ist nicht die Zeit der schönen Lichterketten, nicht der gemütlichen Stunden auf dem einen oder dem anderen Weihnachtsmarkt und nicht der besorgten Geschenke, damit das Weihnachtsfest friedlich und zur Zufriedenheit aller zu Ende gehen kann. Und Weihnachten ist kein Fest der Bratwürstel oder des Karpfens, kein Fest der Besucher und des Ausschlafens. Advent und Weihnachten ist die Zeit einer aktiven Ausrichtung des Lebens auf mehr Gerechtigkeit, auf mehr Frieden, auf mehr Gott in meinem Leben und in meiner Umgebung. Beides sind Zeiten des Handelns, damit in meinem Leben, in meiner Umgebung und in der ganzen Welt Gott und seine Liebe zu den Menschen aufstrahlt und seine Verheißungen für möglichst viele Menschen Realität werden.

Advent und Weihnachten können eine Zeit der glücklichen Familie, der strahlenden Kinderaugen und der guten Nachbarschaft sein, wenn in der Familie jede und jeder ernst genommen wird, einen guten Platz bekommt, wenn die Kinder Geborgenheit und Wertgefühl erfahren, wenn die Nachbarn mit ihren Eigenheiten respektiert werden. Advent und Weihnachten können eine Zeit des Friedens und der Gerechtigkeit werden, wenn ich mich nicht nur auf das Hören der „Stillen Nacht“ der „Jingle bells“ beschränke, sondern wenn ich aktiv werde und gegen Unfrieden, Ausgrenzung und Ungerechtigkeit zu handeln beginne.

Ich wünsche uns allen, dass die restliche Zeit der Erwartung noch eine aktive Zeit wird. Ich wünsche uns, dass wir daran glauben, dass das Reich Gottes spürbar in unserer Welt sein kann, wenn wir ihm einen guten Platz im eigenen und im Leben des Nächsten geben.

Slawomir Dadas
Pfarrer