Kirche zwischen Freiheit und Gesetz

Veröffentlicht: 7. Juni, 2019 / 19:34 bb 0

In seinem Vortrag am 23.05.2019 widmete sich Pfarrer Slawomir Dadas dem Thema „Kirche zwischen Freiheit und Gesetz“.

Immer wieder wird der katholischen Kirche vorgeworfen, die „letzte Diktatur“ der westlichen Welt zu sein. Alles sei vorgegeben und müsse vom Kirchenvolk erfüllt werden. Die hierarchische Struktur lasse nur wenig Raum für neue Ideen. Im Gegensatz dazu gehört die Kirche zu den wenigen Institutionen, die sich weltweit gegen viele Formen der Ausbeutung und Unterdrückung stellen und somit für Freiheit eintreten.

Der Begriff Freiheit
Dem Begriff Freiheit kommt im Laufe der Geschichte sehr unterschiedliche Bedeutung zu.
Im antiken Griechenland wird unter Freiheit zunächst die Teilhabe jedes Menschen (ausgenommen Sklaven) an den Gütern der Gesellschaft verstanden. Die Gesellschaft ist auf das Wohl der gesamten Bevölkerung ausgerichtet. Nach Aristoteles habe sich das Gesetz am Guten und Wahren, somit Göttlichem, zu orientieren.
Mit der Entwicklung von Großreichen wird der Begriff Freiheit immer mehr auf Inneres bezogen, da die Möglichkeit der Einflussnahme auf alles nicht mehr gegeben ist. Bei den Stoikern wird daher die „Freiheit im Geist“ betont.
Im Alten Testament wird der Begriff Freiheit wenig philosophisch betrachtet. Hier wird Freiheit erlebt (z. B. Auszug aus Ägypten) bzw. das Fehlen von Freiheit im Exil erlitten. Freiheit bedeutet für die Juden somit Befreiung aus der Hand eines fremden Volkes bei gleichzeitiger Unterstellung unter die Hand Gottes.
Der römisch-jüdische Geschichtsschreiber und Pharisäer Josephus Flavius betont, dass v. a. die „religiöse Freiheit“ von Bedeutung sei, die keine politische Freiheit erfordere.

Das Alte Testament mit den fünf Büchern Mose (Tora) ist Ausdruck des Willens Gottes und bezieht sich auf das kultische und private Leben der Juden.

Im Neuen Testament wird Jesus zum Inbegriff der Freiheit. Er stellt die Erfüllung, nicht Abschaffung der jüdischen Gesetze bei gleichzeitiger Befreiung aus alten Ritualen, wie Fasten- und Sabbatritualen in den Vordergrund, ohne dabei politische Befreiung zu fordern. Freiheit bedeutet nicht Willkür, sondern ein neues Leben im Dienste Christus. Freiheit ist ein Geschenk mit eschatologischem (=endzeitlichem) Charakter. Christus als Inbegriff der Freiheit schlechthin bringt die Befreiung von den Fesseln des Todes und vermeintlicher Selbstverwirklichung.

Während die Haltung Jesu aufbauend auf Gottes- und Nächstenliebe eindeutig ausfällt, ist die Haltung in den frühchristlichen Gemeinden unterschiedlich. In der Gemeinde Jerusalem, die sich im feindlichen Kontext auch gegenüber anderen Synagogen behaupten muss, ist Gesetzestreue und Anpassung an die Gesetze (z. B. Beschneidung, Reinheitsvorschriften) oberstes Gebot. In den vertriebenen Gemeinden z. B. in Antiochia (antikes Syrien, heutige Türkei), in denen die Hälfte der Bevölkerung nicht dem jüdischen Glauben angehört also Heiden sind, muss auf nicht-jüdische Bräuche Rücksicht genommen werden. Daher wird nur Wesentliches, wie beispielsweise die Voraussetzungen dafür Christ (Heidenchrist) zu werden, festgelegt.

Matthäus betont immer wieder das „Tun“ im Geist der Gesetze, während der Gesetzesfrage im jüdischen Sinn bei Markus keine besondere Bedeutung zukommt, stattdessen werden Gottes Gebote im Sinne der Nächstenliebe betont. Lukas hingegen, der v. a. auch die Judenchristen anspricht, betont wieder die Befolgung der Gesetze. Bei Johannes wird das Leben Jesu in den Vordergrund gestellt. Paulus folgt in seinen Briefen sowohl dem alten jüdischen Verständnis vom Willen Gottes, spricht sich jedoch in der Auseinandersetzung mit „Amtsbrüdern“ (Römerbrief, Galaterbrief) gegen den erstarrten Willen Gottes aus. Christus erfülle die Gesetze, wer ihm nachlebt, tut es ihm gleich.

Freiheit in unserer Gesellschaft
Der Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologie Erich Fromm (1900-1980) beschäftigt sich in seinem Buch „Die Furcht vor der Freiheit“ u. a. damit was uns unfrei macht und nennt dabei beispielsweise namenlose Autoritäten wie die öffentliche Meinung und den „gesunden Menschenverstand“. Freiheit ist somit die Möglichkeit über das eigene Leben zu verfügen, sich von anderen zu unterscheiden und sich gegen herrschende Trends durchzusetzen. Fundamentalismus entsteht aus Angst vor Veränderung.

Kirchliche Freiheit heute bedeutet ein Leben im Geiste Jesu, ihm in seinem Einsatz für Gerechtigkeit und Nächstenliebe, wenn nötig auch durch das eigene Auftreten gegen die Gesellschaft, nachzufolgen. Grenzen der kirchlichen Freiheit ergeben sich dort, wo die Einheit der Weltkirche gefährdet ist, wie dies bei der Lösung der offenen Fragen des Zölibats, der Einbindung von Frauen und umfassender Mitbestimmung der Mitglieder zu sein scheint.

Literaturhinweis: Erich Fromm, Die Furcht vor der Freiheit. 1941

Text: Birgit Breitwieser