Wenn man meine Wohnung betritt, so befindet sich gleich neben meiner Tür ein Glaskreuz in den Farben blau und grün. Heute habe ich es euch mitgenommen und ihr könnt es an die Wand projiziert sehen. Es war eins der ersten Dinge, dich ich gezielt für unsere Wohnung gekauft habe als wir uns für eine Eigentumswohnung entschieden haben und auch eines der ersten Dinge, die ich überhaupt in der Wohnung aufgehängt habe.
Es war mir einfach von Anfang an wichtig, dass ein Kreuz an der Wand hängt. Aber warum eigentlich?
Mit dem Kreuz ist mehr gemeint als ein schöner Dekorationsgegenstand, es verweist auf meine Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft – auf mich als Christin, es Verweis auf Jesus Christus, der am Kreuz für uns gestorben ist. Und auch verweist dieses Kreuz an meiner Wand auf meinen Wunsch, dass alle, die in unserer Wohnung ein und ausgehen von Gott beschützt sind.
Das Kreuz verweist somit auf etwas anderes, auf etwas darüber hinaus. Es ist durch und durch Symbol.
Wenn wir auf die ganz ursprüngliche Bedeutung des Kreuzes und dem damit verbundenen Kreuztod blicken, dann sehen wir, dass das Kreuz zunächst ein Symbol der Schade war. Nur Verbrecher wurden am Kreuz hingerichtet.
Aus diesem Grunde vermieden es die Christen über Jahrhunderte, Christus als den Gekreuzigten darzustellen und gebrauchten andere Symbole wie den Fisch oder den guten Hirten um ihre Zugehörigkeit zu Jesus Christus zu zeigen.
Zum universalen Zeichen des Christlichen Glaubens wurde das Kreuz erst im vierten Jahrhundert. Der Legende nach fand am 1.September 326 Helena, die Mutter des Kaisers Konstantins des Großen, das Kreuz Christi. Konstantin ließ daraufhin eine Kirche errichten – heute unter der Grabeskirche bekannt – die 15 Jahre später am 13.September geweiht wurde. Am Tag nach der Weihe der Kirche wird das Kreuz auf eine Anhöhe getragen, damit es von allen gesehen werden konnte –das Kreuz wurde erhöht.
An dieses Erhöhen des Kreuzes erinnert das heutige Fest und so verwundert es nicht, dass wir heute auch in den Bibeltexten in theologischer verdichteter Form von Erhöhungen gehört habe.
Johannes lässt Jesus im Gespräch mit Nikodemus folgendes sagen:
Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat,
so muss der Menschensohn erhöht werden,
damit jeder, der glaubt,
in ihm ewiges Leben hat.
Johannes spielt hier an die von uns gehörten heutige Lesung aus Numeri an. Mose, der mit seinem Volk schon lange durch die Wüste wandert, hat es nicht einfach. Das Volk murrt und lehnt sich gegen Gott und Mose auf. Das auserwählte Volk wendet sich ab, es fragt: „Warum hast du HERR uns aus Ägypten geführt, wenn wir jetzt hier sterben?“
Daraufhin sendet Gott Feuerschlangen. Diese Schlangen töten viel aus dem Volk, sie bringen den Tod. So wie das Kreuz ein Zeichen für den Tod war, so waren es auch die Schlangen. Immer wieder aufs Neue finden wir solche Momente in der Bibel, das Abwenden von Gott das Unheil bringt. Doch in dem Moment, als sich das Volk wieder zu Gott zuwendet, als es umkehrt, schenkt Gott Heil. Und so auch hier, das Volk kehrt um, bittet Mose darum für sie zu beten.
Gott gibt Mose die Anweisungen für ein Hilfszeichen – eine Kupferschlange auf einen Stab aufgehängt, das Heilsmittel gegen den Schlangenbiss wird.
Das Bild, dass Jesus hier also zeichnet ist eines, dass die Gelehrte zur Zeit Jesus kennen. An diese Gelehrte richtet sich diese Rede. So verstehen diese auch was hier eigentlich gesagt werden soll:
Wenn also die erhöhte Schlange Heilszeichen ist, so muss auch der Menschensohn erhöht werden um Heilszeichen zu werden. – Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat,
so muss der Menschensohn erhöht werden –
In beiden Fällen werden durch Gottes Willen jene gerettet, die auf seine rettende Macht blicken.
Johannes geht jedoch weiter. Der Menschensohn schenkt nicht nur Heil, sondern durch den Glauben an ihn schenkt er uns auch das ewige Leben. Der Menschensohn muss erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat. Dieses ewige Leben hat uns Gott in seiner Liebe geschenkt.
Oder anderes gesagt: Im Kreuz so glauben wir heute – wird das Heil Gottes sichtbar – nicht mehr ausschließlich der Tod und das Leiden stehen im Vordergrund, sondern die Liebe Gottes zur Welt, die über den Tod hinausgeht, die uns durch Jesus Christus im Glauben das ewige Leben schenkt.
Das alles und noch mehr bedeutet das Kreuz an der Wand.
Stefanie Seiler, Seelsorgerin
