Liebe Gemeinde,
vor einigen Jahren, als ich noch Studentin war, durfte ich im Rahmen eines Seminars mit der Universität nach Spanien Andalusien fahren. Dort betrat ich zum ersten Mal Kirchen, die zwar noch dastanden als Gebäude, aber die keine Kirchen mehr waren. Sie waren Supermärkte, Bücherläden und Restaurants.
Zugegeben, es schmerzte die Gebäude so zu sehen. Ich kann mich gut erinnern, als wir in eine ehemalige Kirche gingen, die leergeräumt war. Nichts erinnerte mehr an das, wofür sie einst stand. Alle Bilder und Gegenstände waren verschwunden, die Wände waren weiß gemalt. Die ehemalige Kirche war Gebäude geworden. Der Ort der Gottesbegegnung war – scheinbar – verschwunden. Aber wohin? Wo ist die Gegenwart Gottes jetzt noch spürbar? Erfahrbar?
Die heutigen Lesungstexten fragen ebenso nach dem Ort der Gegenwart Gottes – dem Ort des Gottesbegegnung. In damaliger Zeit war dies der Tempel in Jerusalem.
In der ersten Lesung hören wir von einer Vision des Propheten Ezechiel. Diese Vision schreibt Ezechiel in babylonischer Gefangenschaft, nach der Zerstörung des Tempels in Jersusalem. Für Ezechiel hat der Tempel eine lebensspendende und heilsbringende Präsenz – der Tempel schafft Leben. Durch die Zerstörung des Tempels besteht die Frage wo diese Präsenz des Tempels nun ist. Vielleicht ganz ähnlich der Fragen, die ich mir in dieser leeren Kirche, in Spanien gestellt hatte.
Für Ezechiel wird klar: Gottes heiliges Wirken ist nicht an einen Ort gebunden.
In der zweiten Lesung hören wir von Paulus und seiner jungen Gemeinde. Sie sind eine wohnungslose Gemeinde, es gab noch keine öffentlichen Kirchen, aus den Synagogen wurden sie zusehends verdrängt. Und so schreibt Paulus „Gottes Tempel ist heilig und der seid ihr.“ Jesus Christus ist dabei das Fundament, auf das sie weiter bauen. Man könnte sagen: Der Mensch wird zum Ort des heiligen Wirken Gottes durch Jesus Christus.
Im Evangelium hören wir schließlich von der Tempelreinigung. Der Tempel soll für Jesus ein Ort der Gottesbegegung bleiben – und er selbst ist der Ort dieser Begegnung – Jesus selbst ist der Tempel. Jesus Christus ist der Ort des heiligen Wirken Gottes.
Ich denke, diese Aspekte lassen sich auch auf den Ort der Kirche übertragen.
Gottes heiliges Wirken ist nicht an einen Ort gebunden. Der Mensch wird zum Ort des heiligen Wirken Gottes durch Jesus Christus. Jesus Christus ist der Ort des heiligen Wirken Gottes.
Gott ist überall.
Aber es bleibt das Bedürfnis von uns Menschen nach Raum und Zeit, um Gott zu suchen, um auf ihn zu stoßen. Einen Ort, an dem wir zur Ruhe kommen können, einen Raum, der uns offensteht. Als Menschen brauchen und suchen wir einen Ort.
Einen Ort zum Anzünden einer Kerze, zum Beten, zum für einen Moment verweilen, um Bilder zu betrachten und Fragen nachzuspüren, um still zu werden, um wahrzunehmen was ist, um Gemeinschaft zu erfahren – und um Gott zu begegnen.
Und dennoch:
Gott wohnt nicht in den Steinen. Er wohnt in seiner lebendigen Kirche. Gott wohnt dort, wo wir Menschen sich öffnen, wo aus dem Ich ein Wir wird. Wo Menschen in der Kirche mitfeiern, mitbeten und Kirche mit-leben und mitgestalten. Wo aus Raum eine Kirche, wo aus Raum ein Zuhause wird. Wo Gottes heiliges Wirken spürbar und wirksam wird.
Amen
Stefanie Seiler, Seelsorgerin
