Sprache ist zusehends im Wandel – immer schon und heute umso mehr.
Neue Worte und Redewendungen entstehen, werden nicht mehr von allen verstanden und doch finden sie ihren Weg in unseren Sprachgebrauch.
Vieles wiederum gerät in Vergessenheit, einst selbstverständliche Sprache wird nicht mehr verstanden.
Wenn wir im heutigen Evangelium Johannes sagen hören: „Seht, das Lamm Gottes, das hinweg nimmt die Sünde der Welt.“, dann sind dies Worte, die für uns Gottesdienstgeher bekannt und vertraut sind.
Schließlich beten wir diese Worte im Agnus Dei in fast jedem Gottesdienst seit dem 7. Jahrhundert. Aber: Werden die Worte auch verstanden?
Das Bild des Lammes ist eines, dass den Menschen zur Zeit Jesus vertraut und bekannt war.
Schon in der hebräischen Bibel hat das Lamm symbolischen Wert. Es steht für Wehrlosigkeit und Verletzbarkeit.
Ebenso dient es als Darstellung der Beziehung zwischen Gott und dem Volk: Gott ist der Hirte Israels, und das Volk ist seine Herde. Diese Symbolik finden wir auch im Neuen Testament immer wieder, denken wir dabei nur an die Erzählung um das verlorene Schaf.
Das Lamm Gottes – sowie wir es heute im Evangelium hören – befindet sich so jedoch nur dort.
Der Evangelist spielt damit sicherlich auf die Beschreibung des Gottesknechtes aus Jesaja an. In Jesaja 53 findet man die Formulierung vom Knecht Gottes, der die Sünden auf sich lädt und wie ein Lamm schweigend erduldet, was ihm geschieht.
Über diesen Knecht Gottes gäbe es viel zu sagen. Wichtig erscheint mir, dass dieser im Alten Testament für sein Volk einsteht. Der Gottesknecht nimmt die Schuld Israels auf sich wie der Sündenbock, ist dabei jedoch selbst ein unschuldiges Lamm.
Dieser Sündenbock hatte bis zur Zerstörung des Jerusalemer Tempels 70 n. Chr. in der Liturgie des Versöhnungsfestes im Judentum – dem Jom Kippur – eine besondere Rolle.
Der Sündenbock wurde symbolisch mit den Sünden des Volkes Israel beladen. Danach wurde er in die Wüste geschickt. Dadurch, dass er die Sünden auf sich nahm, all das, was die Menschen von Gott trennte, ermöglichte der Sündenbock Versöhnung mit Gott.
Symbolisch wurde damit ein Neuanfang aufgezeigt.
Diese Schuld des Volkes Israel nimmt nun der – unschuldige – Gottesknecht auf sich.
Im Johannesevangelium hat die Aussage „Lamm Gottes“ aber noch eine weitere Symbolik als diesen Verweis auf den Gottesknecht. Es verweist ebenso auf das Passahlamm. In der johanneischen Darstellung der Kreuzigung Jesu spielt der Verfasser mehrmals auf verschiedene Passahtraditionen an. So stirbt Jesus unter anderem am Tag der Schlachtung der Passahlämmer.
Am Pessachfest erinnert die rituelle Schlachtung des Passahlamms im Judentum immer wieder neu an die Befreiung aus der Gefangenschaft in Ägypten. Gott führte durch Mose sein Volk von der Gefangenschaft in die Freiheit, von der Freiheit in die Verheißung.
Im Neuen Testament wird dieses Passahlamm nun noch einmal überhöht:
Jesus selbst wird durch seinen Tod dieses Passahlamm, er führt nicht nur das Volk – nein, die ganze Welt in die Freiheit, die ganze Welt in die Verheißung. Jesus, der alle Sünden der Welt auf sich legt, alle Entzweiung, alles, dass uns von seiner Liebe und der Liebe Gottes trennt.
Johannes spricht im heutigen Evangelium von Jesus als Lamm Gottes. Ein Bild, dass uns Christen vertraut ist, aber nicht mehr für alle verständlich ist.
Es liegt an uns, dieses Bild und alle anderen nicht mehr verstandenen Bilder immer wieder neu aufzudröseln und verständlich zu machen.
Stefanie Seiler, Seelsorgerin
