Muttertag in der Coronakrise

„In diesen Tagen, als die Zahl der Jünger zunahm, begehrten die Hellenisten gegen die Hebräer auf, weil ihre Witwen bei der täglichen Versorgung übersehen wurden. Da riefen die Zwölf die ganze Schar der Jünger zusammen und erklärten: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und uns dem Dienst an den Tischen widmen. Brüder, wählt aus eurer Mitte sieben Männer von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit; ihnen werden wir diese Aufgabe übertragen. Wir aber wollen beim Gebet und beim Dienst am Wort bleiben. Der Vorschlag fand den Beifall der ganzen Gemeinde uns sie wählten Stephanus, einen  Mann, erfüllt vom Glauben und vom Heiligen Geist, ferner Philippus und Prochorus, Nikanor und Timon, Parmenas und Nikolaus, einen Proselyten aus Antiochia. Sie ließen sie vor die Apostel hintreten und diese legten ihnen unter Gebet die Hände auf. Und das Wort Gottes breitete sich aus und die Zahl der Jünger in Jerusalem wurde immer größer; auch eine große Anzahl von den Priestern nahm gehorsam den Glauben an.“ Apg 6, 1-7

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

in den ersten Wochen der Coronakrise wurden in den Medien viele Bilder von Dankbarkeit gezeigt. Der Balkonapplaus für das medizinische Personal, aber auch für die Kassiererinnen und alle, die gerade an „der Front“ gegen Corona gestanden sind, bleibt uns in Erinnerung und hat schon einen symbolischen Charakter. Viele Menschen, die „nichts tun“ konnten, weil sie zur Isolation verpflichtet wurden, entdeckten die Wichtigkeit und den Wert der stillen, aber so selbstverständlichen und lebenserhaltenden Dienste in der Gesellschaft. Wie lange diese Dankbarkeit anhält, wird sich weisen. Aber es kann sein, dass sie eines Tages verschwindet und wir als Gesellschaft zu den alten Verhaltensmustern zurückkehren, bei denen nicht die Dankbarkeit eine besonders wichtige Rolle spielt, sondern das Fordern.

Die Spannung zwischen der Dankbarkeit für die alltäglichen Dienste der anderen und der Haltung der selbstverständlichen Erwartung der Grundversorgung hat für mich etwas mit dem Muttertag zu tun. Wird er heuer in dieser Krisenzeit anders gestaltet? Wird die Dankbarkeit der Kinder für den stillen, im Normallfall so selbstverständlichen und lebenserhaltenden Dienst der Mütter heuer mit einem Balkonapplaus bedacht? Wird der Muttertag heuer unter gehen, weil man miteinander noch nicht essen gehen kann? Gibt es ein Ersatzritual an dem Muttertag 2020 für das gemeinsame Essen, das in der Vergangenheit sowieso oft die Mutter bezahlt hat? Hat die Coronakrise einen Einfluss auf unsere Sicht der Rolle der Mütter in der Gesellschaft – aber auch in meinem privaten Leben?

In der Apostelgeschichte ist heute vom ersten Zwist in der christlichen Gemeinde die Rede. Die Hellenisten regen sich auf, weil bei der Versorgung der Armen ihre Witwen vernachlässigt wurden.  Daraus entsteht der diakonale Dienst in der Kirche, um zwischen der Verkündigung und der tätigen Nächstenliebe ein Gleichgewicht zu halten.

Als ich diese Bibelstelle im Zusammenhang mit dem Muttertag gelesen habe, fragte ich mich, wer regt sich für unsere Mütter auf, weil sie meiner Ansicht nach – so wie die biblischen Witwen – durch die Gesellschaft oft übersehen werden. Mir ist nicht bewusst, dass in den letzten Wochen die Mütter besonders bedankt worden wären für die Gestaltung der verpflichtenden Isolation; für die Motivierung der Kinder, damit sie lernen, für ihre Ersatztätigkeit als Spielkameradin, weil den Kindern fad war, für die Versorgung der Familie, die Organisation der Gebetsgemeinschaft Zuhause … wurden sie dafür bedankt, oder übersehen wie die hellenistischen Witwen?

Liebe Schwestern, liebe Brüder,
die meisten Mütter machen ihren Dienst an den Kindern und an der Familie als einen selbstverständlichen Liebesdienst. Sie erwarten sich dafür keinen großen Dank, keine Medaillen und keinen Applaus. Es ist aber ein Maßstab einer Gesellschaft, wie sie mit den Müttern umgeht; ob ihre Mühen, ihre Sorgen und ihr Einsatz für die Kinder – und dadurch für eine gesunde soziale Gemeinschaft – anerkannt und wertgeschätzt werden. Es ist ein Ausdruck unserer menschlichen Reife, wie wir mit den Müttern und ihren stillen Liebesdiensten umgehen und dankbar anerkennen.

Ich wünsche uns allen, dass wir keine weitere Coronakrise brauchen, um zur Dankbarkeit im Leben zu finden. Ich wünsche uns, dass der Muttertag 2020 in uns die Dankbarkeit weckt für unsere Mütter und für viele kleine und stille Dienste an uns, die uns in unserem Leben geschenkt wurden.

Slawomir Dadas
Pfarrer