Sternstunden wahrnehmen

Den Advent haben wir heuer in unserer Pfarre Wels Hl. Familie unter das Motto „Sternstunden“ gestellt. Jeden Sonntag werden wir aus einer anderen Perspektive dem Thema nähern. Heute beginne ich mit der Überschrift „Sternstunden WAHRNEHMEN“.

 

Was macht eigentlich eine Sternstunde zu einer Sternstunde?

Es ist ein besonderer Moment in der Geschichte eines Menschen oder der Menschheit insgesamt.

 

Sternstunden für uns Christ*innen

Ganz sicher zählen dazu für uns Christ*innen die Geburt Jesu – als Menschwerdung Gottes und die Auferstehung Jesu nach dem Tod. Und interessanterweise geschieht beides in Abgeschiedenheit, zuerst für viele fast unbemerkt – ich denke an den Stall in Betlehem, auch wenn der Moment für die, die dabei waren, beeindruckend gewesen sein muss.

 

Heute haben wir im 24. Kapitel des Matthäus-Evangeliums gehört, dass Jesus uns eindringlich Wachsamkeit auffordert. In den Jugendgebetszeiten von Bischof Ludwig in der Krypta des Linzer Mariendoms war vor einigen Jahren das einer seiner gerne und mehrfach verwendeten Sätze: „Seid wachsam, denn ihr wisst nicht, den Tag und ihr wisst nicht die Stunde, zu der der Herr kommt“ (vgl. Mt 24,36 und auch Mt24,44).

 

Zur Einordnung der Stelle im Evangelium

Die heutige gehörte Stelle aus der Frohen Botschaft befindet sich im Rahmen von endzeitlichen Gedanken, die Jesus seinen Jüngern am Ölberg in Jerusalem mitteilt (Mt 24, 2-36), in denen er das Wiederkommen des Menschensohnes beschreibt – die Sonne verfinstert sich, Sterne fallen vom Himmel … anschließend folgen einige Gleichnisse und die berühmte Gerichtsrede, in der er darauf verweist, dass wir an unseren Taten gemessen werden, was wir unserem geringsten Mitmenschen getan oder nicht getan haben. Dies verdichtet sich bis hin zu Passion, dem Kreuzestod und anschließend zur Erweckung Jesu.

 

Jesus nimmt in seiner Rede an die Jünger auf Noah Bezug und auf die Zeit vor der Sintflut und die dortige Ahnungslosigkeit der Menschen vom richtigen Zeitpunkt und wem es wie ergehen wird. Die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt führt mich zu Meister Eckehart, dem thüringischen Dominikaner, Philosophen und Theologen, der im Spätmittelalter lebte (1260 – 1328). Von ihm ist der Spruch sinngemäß überliefert:

„Der wichtigste Augenblick im Leben ist der jetzige.

Der wichtigste Mensch im Leben ist der, mit dem du es gerade zu tun hast.

Das wichtigste Werk im Leben ist die Liebe.“

Aus dieser Haltung können Sternstunden entstehen.

 

Fragen zu den je persönlichen Sternstunden

Und wenn wir über unsere eigenen Sternstundennachdenken:

  • Wie war es da jeweils für euch?
  • Welche Zeiten in unserem Leben würden wir als Sternstunden bezeichnen?
  • Besondere Glücksmomente?
  • Augenblicke, in denen wir Erfolge erleben durften?
  • Berührende Begegnungen?
  • Epochale Ereignisse?
  • Momente der erfüllten Stille?
  • Was hat es ausgemacht, dass das Sternstunden für euch waren?
  • Waren alle geplant? So wie offensichtliche Sternstunden z.B. die Hochzeit oder die Geburt der Kinder?

 

Meine sehr persönliche Sternstunde

Eine meiner persönlichen Sternstunden habe 2019 ich bei einer Solo-Überquerung des Toten Gebirges im Sommer (auf der Schitourenstrecke, von der mir viele Abgeraten haben) ganz alleine von Bad Mitterndorf Bahnhof über das Hochplateau nach Hinterstoder erlebt. Seit langem war das ein Tag, an dem ich 24 Stunden lang keinen Menschen getroffen hatte, ganz alleine war.

Beeindruckende schroffe Bergformationen, blühendes Grün, eine Quelle unterhalb des Großen Tragl, die mich mit frischem Wasser versorgt hat. Hohe Anstrengung nach 14 Stunden Wanderung an dem Tag, weil ich wie immer zu viel Gepäck mitgenommen und unfreiwillig aufgrund einer Unachtsamkeit in der Orientierung einen Umweg genommen hatte. Fix und fertig bin ich eingeschlafen an dem Tag. Als ich vom Harndrang getrieben in der Nacht im Schatten der Spitzmauer aus meinem Zelt herausgetreten bin, in eine sternenklare Nacht, da waren kaum Lichtverschmutzung und vor allem keine Geräusche, kein Tier, kein herabfallender Felsbrocken, kein Mensch. Ich kann mich nicht erinnern in einem anderen Moment meines Lebens eine derartig erfüllte Stille erlebt zu haben.

Wie lange ich dort staunend und tief berührt gestanden bin, kann ich nicht mehr sagen.

Im Geschenk der Situation habe ich den Blick nach oben zu den Sternen gerichtet, meine Winzigkeit als Mensch verspürt und gleichzeitig die Größe der Schöpfung und gefühlt minutenlange einfach nur wahrgenommen, dass ich darin eingebettet bin – die Kühle der Luft, die Windstille, das Schlagen meines eigenen Herzens und ich habe eine unendliche Dankbarkeit verspürt, dass ich sein darf, als Mensch.

Als ältestes überlebendes Kind meiner Eltern, weil deren erstes Kind nicht lebend geboren werden konnte. Vielleicht wäre ich gar nicht zur Welt gekommen, wenn mein etwas mehr als ein Jahr älterer Bruder lebend geboren wäre – wer weiß das schon. Aber ich stehe heute Morgen hier vor euch.

In diesem Moment habe ich Gottes „Ich bin da. Ich bin bei dir in jeder Stunde deines Lebens. Ich setze auf dich“ gespürt.

So fühle ich mich auch heute immer wieder in den Dienst gerufen als Bote von Gottes Liebe und Barmherzigkeit. Gott schreibt eine einzigartige Geschichte mit jedem/jeder einzelnen von uns und gibt uns immer wieder Zeichen seiner Gegenwart – wir müssen sie nur spüren wollen.

 

Manchmal sind es die leisen Ereignisse

Warum ich das erzähle? Es sind nicht immer die gewaltigen Erlebnisse, manchmal sind es ganz leise Ereignisse, die für uns zu Sternstunden werden. Ungeplant, unverhofft und so beeindruckend, dass wir sie unser Leben lang wieder in Erinnerung rufen können.

Sternstunden wahrnehmen, das lässt mich mit Blick auf das heutige Evangelium für die kommende ersten Adventwoche eine Achtsamkeit an den Tag legen. In den kommenden sieben Tagen will ich wachsam und hellhörig, aufmerksam und achtsam sein, um die spürbaren Berührungen Gottes in meinem Leben bewusst wahrzunehmen. Und jeden Tag am Abend, will ich die erste Kerze am Adventkranz anzünden, Adventlieder singen, schweigen und nachdenken darüber, was mich an diesem Tag zur Dankbarkeit führt. Die lauten und die leisen Sternstunden in meinem Lebensalltag benennen und die im Familienkreis austauschen.

Uns allen wünsche ich einen guten Einstieg in die Adventszeit!

 

 

Predigt und Fotos:
Christoph Burgstaller
(Pastoralassistent Pfarre Wels Hl. Familie und Jugendseelsorger im Dekanat Wels)

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